Again, we express our thanks to both Brigitte (Ch. 2) and a master of English, French and German (and who knows what other?) languages Martin Anders (Ch. 3):
Die Vitalienbrüder
Der neue Schiffsjunge putzt das Deck. Es ist harte Arbeit, und er ist müde, aber er darf nicht aufhören zu putzen. Er muss das ganze Deck putzen, das ist seine Arbeit für jetzt. Später muss er dem Koch helfen, das Essen für die Männer zu machen, und nach dem Essen muss er das Geschirr spülen und die Schiffsküche putzen.
Jetzt sieht Geoff/Götz aus wie ein echter Schiffsjunge. Er trägt eine lange Hose. Die Hose war im Plunder von einer früheren Kaperfahrt aber passt gut zu ihm. Er trägt auch ein Hemd aus Leinen und eine Weste aus Wolle, oder er geht oben ohne. Auf dem Kopf trägt er immer eine Strickmütze aus Wolle. Seine ganze Kleidung kommt aus dem Plunder, nur seine Boardshorts nicht. Die hatte er schon, und er trägt sie unter seiner Hose. Was er nicht trägt, sind Schuhe. Wie die anderen geht er barfuß.
Das Leben an Bord eines Schiffes ist nicht leicht, und Götz muss als Schiffsjunge hart arbeiten. Er putzt das Deck und die Schiffsküche, er hilft dem Koch, er bringt dem Käpt’n und den Matrosen ihr Essen, er bringt dem Steuermann und anderen Matrosen Informationen, er rennt von einem Ende des Schiffes zum anderen, d.h. vom Bug zum Heck. Er lernt auch, was man als Matrose macht. Er lernt, wann ein Seil ein <<Seil>> ist und wann es ein <<Schlauch>> ist und wann es einen anderen Namen hat und was man damit macht. Er lernt, in die Takelung zu steigen und die Segel zu trimmen. Er lernt, richtige Seemannsknoten zu machen. Er lernt, das Wetter zu “lesen”.
Götz ist aber kein normaler Schiffsjunge, er kann lesen und schreiben. Weil er lesen und schreiben kann, hat er auch andere Arbeiten. Er lernt Karten lesen und hilft dem Käpt’n beim Schreiben in das Schiffstagebuch. Nach nur ein paar Tagen ist Götz seefest und beginnt sich ein bisschen zu Hause zu fühlen. Nach einer Woche weiß er schon viel, kann helfen und steht nicht mehr im Weg.
Das Leben an Bord des Schiffes ist anders als Götz (das heißt Geoff) gedacht hätte. Ja, die Arbeit ist hart und anstrengend*, aber es gibt auch Zeit zum Spielen und Relaxen. Oft kann Götz vorne auf dem Bug sitzen und die See anschauen. Das liebt er. Er kann sehr lange auf dem Bug sitzen und auf die See schauen. Dann denkt er nicht an sein Leben an Bord des Schiffes. In diesen Momenten denkt er an sein Leben in Kalifornien. Er ist glücklich, hat aber ein bisschen Heimweh.
Die Matrosen lieben Witze, und Götz lacht oft, wenn er diese hört. Sie singen auch gern, und sie singen bei der Arbeit. Das Singen ist aber nicht nur eine Ablenkung, sondern auch eine Hilfe bei der Arbeit, wie am ersten Tag als die Matrosen <<Geoff>> aus dem Wasser holten.
Götz singt gern mit und lernt die Matrosenlieder. Er lernt, dass bestimmte Lieder für bestimmte Arbeiten sind, denn der Takt und der Rhythmus helfen den Männern, zusammen zu arbeiten. Ein Lied mit einem regelmäßigen Takt ist für gleichmäßige Arbeiten wie den Anker hoch bringen. Ein sehr rhythmisches Lied ist für Arbeiten wie Segel aufrollen und reffen – oder auch Schiffsjungen aus dem Wasser holen.
Andere Lieder sind zur Ablenkung oder zum Tanzen. Natürlich hat Götz ein Lieblingslied. Irgendwie findet er das <<Kaperfahrtlied>> am schönsten. Ganz gerne singt er die Strophe:
Alle, die Tod und Teufel nicht fürchten,
Müssen Männer mit Bärten sein.
Alle, die Tod und Teufel nicht fürchten,
Müssen Männer mit Bärten sein.
Jan und Hein und Klaus und Pitt,
Die haben Bärte,
Die haben Bärte.
Jan und Hein und Klaus und Pitt,
Die haben Bärte,
Die haben Bärte.
Nur eines tut Götz leid, er hat keinen Bart.
Die Matrosen erzählen gern Geschichten. Eines Abends bittet Götz die Matrosen darum, dass sie ihm ihre Geschichte erzählen. Das Schiff segelt auf einer glatten See, der Mast glänzt wie Gold im späten Abendlicht, das Schiff fährt schnell mit einem guten Wind im Rücken. Die Männer sind glücklich und möchten gerne über ihr Leben sprechen. Der Quartiermeister, ein alter Mann mit grauen Haaren, einem langen Bart und einem Goldring im Ohr, steht auf und beginnt:
Wir waren nicht immer Likedeeler, das heißt Freibeuter. Einst waren wir Fischer und Ewerführer und Matrosen, und sogar Bauern. Vor einigen Jahren gab es Krieg zwischen Dänemark und dem Herzog von Mecklenburg, der auch König von Schweden war. Die dänischen Schiffe und die dänische Armee hatten Stockholm, die Hauptstadt von Schweden, isoliert. Es gab nichts zu essen.
Dann hat der Herzog von Mecklenburg uns um Hilfe gebeten. Wir sollten helfen, Lebensmittel nach Stockholm zu bringen und durch die dänische Flotte zu kommen. Das taten wir auch. Lange Zeit haben wir durch die dänische Blockade hindurch Lebensmittel nach Stockholm gebracht. Sie gaben uns dafür den Namen <<Vitalienbrüder>>. Diese Zeit war schön. Wir hatten eine gute Arbeit, die Hanse gab uns Kaperbriefe, so dass wir die dänischen Schiffe entern und kapern konnten. Beim Klabautermann! Das waren noch Zeiten!
Die anderen Männer sagen: <<Bei Tod und Teufel!>> <<Beim Klabautermann!>> <<Das ist wahr!>> <<Ach ja!>> <<Da hast du recht, Jan!>> Der Matrose erzählt weiter:
Dann vor fünf Jahren war alles auf einmal aus. Der Krieg endete, Dänemark hatte gewonnen, und wir sollten alle einfach nach Hause gehen. Wir durften keine Kaperfahrten mehr machen. Aber was sollten wir machen? Viele hatten kein Haus mehr. Die Hansestädte hatten auch nichts für uns. Wir hatten ihnen geholfen, aber sie wollten uns nicht helfen. Es blieb uns nichts anderes übrig, als mit der Freibeuterei weiter zu machen. Ab diesem Moment waren wir offiziell keine Freibeuter mehr, sondern Piraten. Wir machten das, was wir jahrelang für die Hanse gemacht hatten, aber jetzt war das Piraterie, und sie setzten ein Kopfgeld auf uns aus.
Jetzt waren alle gegen uns und wir waren gegen alle. Keine Hansestadt stand uns offen, aber die Insel Gotland in der Ostsee hatten wir schon seit ein paar Jahren. Sie war unser Stützpunkt und Hauptquartier.
War unser Stützpunkt! Aber jetzt nicht mehr. Die Hanse wollte uns loswerden. Sie brachten den deutschen Orden aus dem Osten dazu, gegen uns zu kämpfen. Möge Gott sie zu den Fischen schicken! Jetzt haben sie Gotland, und wir mussten hierher in die Westsee kommen.
Westsee?! fragt sich Götz. Wo ist die Westsee? Moment mal! Die Ostsee heißt auf Englisch die <<Baltic Sea>>. Was ist westlich von der Ostsee? Natürlich! Die Nordsee! Götz lacht ein bisschen in sich hinein. Westlich von der Ostsee liegt die Nordsee. Ganz logisch! Und man geht nach Osten, um zu den Westgoten zu kommen. Das letzte hatte Götz aus Asterix und Obelix. [For anyone who doesn’t know – Asterix und Obelix are heroes in a popular European comic book series; “Asterix and the Goths” has them visiting the West Goths by going east – which confuses Obelix no end.]
Seit zwei Jahren wohnen wir in Friesland, in Marienhafe. Die Friesen kämpfen gegen die Hanse. Sie haben es gern, wenn wir unter ihnen leben und mit ihnen kämpfen. Der Käpt’n hat einen Kameraden, der heißt Gödeke Michels. Michels und seine Männer wohnen auf der Insel Helgoland, aber wir wohnen in Marienhafe auf dem Festland. Dort leben wir ganz gut. Der Käpt’n hat ein Haus und eine Frau. Seine Frau ist die Tochter des Friesenhäuptlings, Keno ten Brooke. Ja, in Marienhafe haben wir es gut, bei Tod und Teufel!
<<Jetzt habe ich aber eine Frage>>, sagt Götz. <<Wenn das Leben in Marienhafe so gut ist, warum segeln wir nicht dorthin? Warum segeln wir in die andere Richtung?>>
©2012 Robert Harrell
