Auf Kaperfahrt
<<Junge!>>, lacht Jan, der alte, graue Quartermeister. <<Beim Klabautermann, du bist nicht ganz dicht! Oder hast du meine Geschichte nicht gehört? Wir sind die Likedeeler! Wir sind Freibeuter! Was denkste? Wir sind doch auf Kaperfahrt.>>
Götz wird rot. <<Ach ja, . . . beim Klabautermann>>, sagt er.
Alle lachen. Pitt der Jungmann, der vor Götz der Schiffsjunge war, sagt: <<Schon gut, Junge. Der Moses darf auch dumme Fragen stellen. Ich hab’s oft genug getan.>>
Hein, ein Matrose mit nur einem Auge, sagt: <<Es war gut für dich, Moses, dass wir auf Kaperfahrt sind. Sonst wärst du schon lange in der Westsee ertrunken, bei Tod und Teufel.>>
<<Das stimmt>>, sagt Götz. <<Gott sei Dank, ihr seid gekommen und habt mich gefunden. Aber wohin segeln wir?>>
<<Wir segeln nach Spanien>>, sagt der Käpt’n, der die Geschichte auch gehört hat. <<Die Spanier und die Italiener haben oft Schiffe mit viel Beute. Sie sind weit weg von der Hanse. Wir brauchen nicht gegen die Hanse zu kämpfen, wenn wir spanische und italienische Schiffe kapern. Das ist besser für uns.>>
Die Fahrt nach Spanien dauert über zwei Monate. Sie segeln meistens gegen den Wind und können nicht schnell segeln. Von Zeit zu Zeit müssen sie auch Halt machen, um Essen, frisches Wasser und andere Sachen zu kaufen. Wenn sie halten, schauen sie auch, dass alles mit dem Schiff in Ordnung ist.
Während der Fahrt nach Spanien macht Götz mit seinen Arbeiten und seinem Lernen weiter. Nach drei Wochen beginnt er, Wache zu halten. Noch dazu trainiert er mit Waffen, das heißt mit dem Dolch und dem Entermesser. Götz findet die Kombination von Aktivitäten, Lesen und Schreiben und Rechnen, Arbeit und Freizeit schön. Er denkt, dies sei vielleicht eine der schönsten Zeiten seines Lebens.
Eines Tages hält der Jungmann Pitt im Mastkorb Wache und sieht ein Schiff mit einer spanischen Flagge.
<<Schi-i-i-ff He-e-e!>>, ruft er.
Alle Männer, die im Moment keine Arbeit haben, kommen auf das Deck und schauen über das Wasser zum Schiff. Sie wollen sehen, ob das Schiff gut zu kapern ist. Sie stehen auf dem Deck, auf dem Vorderkastell, auf dem Achterkastell und auf den Treppen zwischen dem Deck und den Kastellen. Götz ist ein bisschen überrascht, als er alle Männer sieht. Er wusste nicht, dass so viele Männer an Bord des Schiffes waren.
Das ist aber logisch, denkt er. Wir müssen Matrosen haben, die das Schiff segeln. Wir müssen auch Matrosen haben, die das andere Schiff entern und vielleicht segeln können. Wir brauchen viele Männer, wenn wir auf Kaperfahrt gehen.
Götz ist sehr überrascht, als das Schiff den Kurs ändert und ein bisschen weg von dem anderen Schiff segelt. Er denkt: Wollen wir dieses Schiff nicht kapern? Ist es zu groß oder zu klein? Hat der Käpt’n Angst? Das glaube ich nicht. Also, was machen wir und warum?
Langsam versteht Götz, was sie machen. Die zwei Schiffe segeln gegen den Wind und der Seetiger, Störtebekers Schiff, ist hinter dem anderen Schiff. Jetzt segeln sie parallel zum anderen Schiff. Der Seetiger ist schneller als das andere Schiff, und sie segeln ihm voraus. Dann machen sie einen großen Bogen und kommen vor das andere Schiff. Der Seetiger kommt zwischen das Schiff und den Wind. Die Segel des Schiffes bekommen keinen Wind, und das Schiff kann nicht gut segeln. Der Seetiger hat aber viel Wind und kann gut segeln.
Während das Schiff dieses Manöver macht, gehen die Männer und holen ihre Waffen. Alle haben Dolche und Entermesser. Viele haben auch Armbrüste. Ein paar Männer haben lange Stäbe, die etwa so lang sind, wie Götz ist groß. Am Ende hat jeder Stab eine Schleuder. Diese lange Stäbe mit einer Schleuder am Ende heißen Stabschleudern. Die Männer gehen auf die Vorder- und Hinterkastelle, wo Steine schon liegen. Götz weiß, dass die Männer die Steine mit den Stabschleudern auf das andere Schiff werfen werden.
So beginnt das Entern und Kapern, denkt er.
Das andere Schiff kann nicht gut manövrieren, denn der Seetiger hat ihm den Wind aus den Segeln genommen, aber Störtebekers Schiff kann sehr gut manövrieren. Es hat den Wind im Rücken.
Wenn die zwei Schiffe ein bisschen näher kommen, beginnen die Likedeeler auf das andere Schiff zu schießen. Die Stabschleuderer werfen Steine auf das andere Schiff. Steine fallen ins Wasser. Andere Steine treffen die Leute auf dem Deck, und sie fallen zu Boden. Andere Steine treffen die Segel und machen Löcher in die Segel. Jetzt kann das Schiff nicht manövrieren.
Dann schießen die Männer auf den Vorder- und Achterkastellen und im Mastkorb mit ihren Armbrüsten auf das andere Schiff. Männer an Bord des anderen Schiffes schießen zurück. Sie haben keine Stabschleudern und können keine Steine werfen, aber sie haben Armbrüste und schießen auf die Likedeeler. Die zwei Schiffsmanschaften schießen viel auf einander. Männer fallen auf das Deck. Einige sind tot, andere sind verletzt.
Langsam kommt der Seetiger an das andere Schiff. Die Likedeeler werfen Enterhaken mit langen Seilen zum Schiff rüber. Dann ziehen sie an den Seilen und bringen die zwei Schiffe näher zueinander.
Götz hat Probleme.
Erstens hat er Angst. Wird er verletzt? Wird er vielleicht schwer verletzt? Wird er sterben? Wird er in die See fallen?
Zweitens weiß er nicht, was er machen soll. Die letzten Tage und Wochen waren schön, wie in einem Traum. Er hat gelernt und gearbeitet. Er hat gesungen und getanzt. Er hat gespielt und relaxt. Jetzt muss er kämpfen. Aber das ist das Problem.
Götz denkt: Das ist nicht gerecht. Diese Leute sind nicht unsere Feinde, sie sind Leute, die auf einem Schiff segeln. Sie wollen nicht mit uns kämpfen, sie wollen nach Hause zurückkehren. Wir haben kein Recht, ihr Schiff zu entern und kapern. Wir haben kein Recht, sie zu töten. Ich kann diese Leute nicht töten. Ich kann nicht gegen sie kämpfen.
Zum Glück kommt der Käpt’n in diesem Moment zu Götz und sagt: <<Moses! Der Schiffsjunge kapert andere Schiffe nicht. Du bleibst hier. Nur wenn sie an Bord unseres Schiffes kommen, musst du kämpfen. Bleib an Bord des Seetigers.>>
Puh! denkt Götz. Ich muss nicht kämpfen, das ist gut.
Als die zwei Schiffe nahe genug sind, ruft ein Matrose: <<Klar zum Entern!>> Dann beginnen die Likedeeler, das andere Schiff zu entern. Jetzt kämpfen sie Mann gegen Mann. Sie kämpfen mit Dolchen und Schwertern, mit Entermessern und Keulen, mit Händen und Füßen und Zähnen. Beide Schiffsmannschaften kämpfen hart, aber die Männer vom Seetiger kämpfen besser als die anderen. Nach wenigen Minuten werfen die Leute vom anderen Schiff ihre Waffen auf das Deck. Der Kampf ist vorbei.
Die Likedeeler wollen die anderen Leute nicht töten, sie wollen die Sachen an Bord des Schiffes haben. Sie bringen Kleidung, Wein, Oliven, Schuhe, Leder und vieles mehr an Bord des Seetigers.
Das andere Schiff ist jetzt viel leichter und darf weiter segeln. Die Leute an Bord sind froh, dass sie noch leben.
Die Likedeeler finden noch ein paar Schiffe und machen noch ein paar Mal das Kapermanöver. Sie bringen viel Beute an Bord. Der Seetiger ist jetzt voll mit Beute. Die Männer sind froh, denn sie können nach Hause segeln.
Dies war eine gute Kaperfahrt.
