Gottes Freund
Marienhafe, Ostfriesland
Winter, 1400-1401
Der Seetiger segelt schnell, auch wenn das Schiff voll ist, denn sie haben den Wind im Rücken. In drei Wochen und vier Tagen werden sie zu Hause sein. Alle sind froh.
Während sie segeln, darf jeder etwas nehmen, das er haben will. Die anderen Sachen werden sie in Friesland den armen Leuten geben oder verkaufen und dann das Geld ausgeben. Götz sagt, dass er nichts nehmen will, weil er nicht gekämpft hat. Alle sagen, dass er etwas nehmen muss. Sie sind die Likedeeler, alle – wirklich alle – nehmen etwas. Am Ende nimmt Götz ein Paar Schuhe.
Nach zwei Wochen ist das Schiff in der Nähe von Marienhafe. Die Matrosen sind froh. In kurzer Zeit werden sie zu Hause sein. Nur Götz ist nicht froh. Er weiß nicht, was er machen soll. Er hat keine Familie und keine Freunde in Friesland, nur die Likedeeler sind seine Freunde. Er hat kein Heim und keine Arbeit.
Hm, was ist ein Pirat, wenn er kein Pirat ist? Das fragt sich Götz. Hat er eine andere Arbeit? Repariert er das Schiff? Hat er eine Familie? Ich weiß, dass die Wikinger Bauern waren, wenn sie nicht auf Seefahrt gingen. Aber was sind Piraten, wenn sie nicht auf Kaperfahrt gehen?
Als sie in Marienhafe ankommen, lernt Götz, was Piraten zu Hause machen und sind. Sie sind Väter und Brüder und Söhne und Freunde. Sie sind Bauern und Handwerker und Helfer. Sie arbeiten und spielen und planen und trinken. Götz hilft, wenn jemand etwas lesen oder schreiben will, und arbeitet mit den anderen am Schiff, als sie es reparieren.
Die Schiffsmannschaft des Seetigers geht oft in die Hafenkneipe (das ist wie eine Taverne) in Marienhafe. Dort steht ein Tisch, der nur für die Likedeeler reserviert ist. Nach der Arbeit sitzen die Männer lange Zeit am Tisch und trinken und sprechen über ihre Kaperfahrten und das, was in Marienhafe passiert ist.
Eines Abends sitzen Götz und andere Männer in der Taverne. Der große Mann mit dem feuerroten Bart kommt in die Taverne, und die anderen machen Platz für ihn. Sie geben ihm einen großen, einen vier Liter großen, Becher. Er hebt den Becher auf und beginnt zu trinken. Die Männer beginnen, rhythmisch zu rufen: <<Leer den Becher! Leer den Becher! Leer den Becher!>> Götz schaut und hört zu. Wenn er zuhört, hört er aber nicht <<Leer den Becher!>> Er hört: <<Stör te Beker!>> Auf einmal versteht Götz: Sie sprechen ja Plattdeutsch. <<Stör te Beker>> bedeutet so gut wie <<Trink den Becher leer>>. Der Käpt’n heißt Störtebeker, weil er viel trinken kann!
Am Ende des Abends gehen alle nach Hause. Götz hat in Marienhafe keine Familie und kein Haus. Er wohnt bei dem Käpt’n und seiner Familie. <<Der Rote Teufel>>, wie er bei der Hanse heißt, hat eine Frau und einen Sohn, die er liebt. Er ist ein Familienvater. Die Familie wohnt im Turm der Marienkirche. Von dort aus kann Störtebeker die See und die Küste gut sehen.
Der Käpt’n ist auch ein religiöser Mann. Sonntags geht die ganze Familie in die Kirche, die auch nicht sehr weit weg ist. Sie wohnen ja im Kirchenturm. Götz geht mit in die Kirche. Die Männer vom Schiff gehen auch in die Kirche. Alle gehen in die Kirche. Der Käpt’n hat eine Halskette, aber sie ist keine normale Halskette. Eine Reliquie von Sankt Vinzenz, dem Schutzheiligen von Lissabon, hängt an der Halskette. Störtebeker hat diese Halskette seit vielen Jahren, seit einer Kaperfahrt nach Portugal. Er half dem portugiesischen König gegen die Spanier und bekam die Halskette. Jetzt trägt er sie immer, auch wenn er auf Kaperfahrt geht. Der Käpt’n ist ein sehr religiöser Mann.
Das versteht Götz aber nicht. Wie kann Störtebeker ein religiöser Mann sein und auf Kaperfahrt gehen? Wie kann er stehlen und dann in die Kirche gehen? Wie kann er eine Reliquie tragen und Leute töten?
Während des langen, kalten Winters denkt Götz an diese Frage. Wie kann man auf Kaperfahrt gehen und dann nach Hause kommen und in die Kirche gehen? Götz will den Käpt’n nicht fragen. Er muss einen anderen Matrosen fragen, aber wen?
Der alte Quartermeister Jan und der junge Pitt wohnen in einem Haus am Ende von Marienhafe. Sie waren an Bord des Seetigers oft zusammen. Pitt ist Jans Lehrling und lernt wie man Quartermeister wird. Wenn sie nicht an Bord des Schiffes sind, wohnen sie zusammen in einem kleinen Haus am Ende von Marienhafe.
Götz geht zum kleinen Haus am Ende von Marienhafe. Er findet Pitt und stellt ihm seine Fragen. Er möchte wissen, wie die Likedeeler die Welt sehen. Er möchte hören, wie sie auf Kaperfahrt und dann in die Kirche gehen können. Er möchte verstehen, wie Piraten ihr Leben als <<gut>> sehen können.
Pitt antwortet mit einer Geschichte.
Zwei Männer gehen in die Kirche und beten. Einer ist ein reicher Mann der Hanse. Der andere ist ein Vitalienbruder. Der reiche Mann steht auf in der Kirche und sagt laut: <<Herrgott, ich danke dir, dass ich nicht wie dieser Vitalienbruder bin. Ich bin ein reicher Mann und gebe der Kirche viel Geld. Mein Wappen kann man im Glasfenster der Kirche sehen. Der Bischof ist mein Freund. Ja, danke, Herr, dass ich nicht wie dieser Vitalienbruder bin.>> Dann geht er aus der Kirche und schlägt seinen Knecht. Er hilft den armen Leuten nicht. Sie haben Hunger, und er hat Heringe, aber er hilft ihnen nicht. Er verkauft seine Heringe zu hohen Preisen, und die Armen haben kein Geld. Sie haben Hunger.
Der Vitalienbruder steht nicht auf, er kniet nieder. Er schaut nicht zum Himmel hinauf, sondern auf den Boden. Er sagt: <<Herrgott, ich bin böse. Ich stehle, ich entere und kapere, ich töte. Ja, ich bin sehr böse. Bitte, Herrgott, vergib mir.>> Dann geht er aus der Kirche. Er geht zu seinem Schiff und holt Heringe. Er gibt den armen Leuten seine Heringe, weil sie Hunger haben, aber kein Geld, und keine Heringe kaufen können.
Eines Tages gibt es Krieg. Der reiche Mann spricht mit dem König. Der König ruft die Vitalienbrüder und gibt ihnen Kaperbriefe. Sie dürfen die Schiffe des Feindes entern und kapern, sie dürfen von diesen Schiffen alles nehmen, was sie wollen, sie dürfen die Matrosen töten, sie dürfen die Beute in die Hansestädte bringen und verkaufen. Aber sie dürfen das nur machen, so lange es Krieg gibt. Sie kämpfen für die Interessen des reichen Mannes.
Nach dem Krieg ist der Feind nicht mehr der Feind. Die Dänen und die Hanse waren Feinde. Jetzt sind sie Freunde und Partner. Die Vitalienbrüder waren Freunde. Jetzt sind sie der Feind. Jetzt dürfen sie nicht mehr entern und kapern. Jetzt dürfen sie nicht mehr ihre Beute in die Hansestädte bringen und verkaufen. Sie sind nicht mehr Helfer und Freibeuter, sondern Piraten. Die Dänen, die Hanse und der deutsche Orden kämpfen gegen die Vitalienbrüder, und sie müssen von der Ostsee in die Westsee gehen.
Sie kommen aber nach Ostfriesland. Die ostfriesischen Häuptlinge wollen ihre Hilfe, die Niederländer auch. Die Ostfriesen kämpfen gegen die Hanse. Die Niederländer kämpfen gegen die Hanse. Die Vitalienbrüder helfen den Ostfriesen und den Niederländern. Sie sind jetzt die Likedeeler und geben den Ostfriesen und den armen Leute ihre Beute.
Und jetzt, Götz, wer ist wirklich Gottes Freund, der reiche Mann oder der Vitalienbruder?
©2012 Robert Harrell
